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Freitag, 21. April 2023

Brief von Wackerbarth an Flemming, 19. Januar 1704

Über das Verhältnis der beiden berichtet schon der erste Brief meiner "Probebohrung". Ich habe ihn transkribiert und aus dem Französischen übersetzt.

Wackerbarth schrieb als Gesandter aus Wien, wo er seit 1698  - mit Unterbrechungen - war. Er macht die Belastungen, denen er ausgesetzt war, deutlich und wendet sich vertrauensvoll an seinen "Bruder". 



Brief von Wackerbarth aus Wien an Flemming, 19. Januar 1704

Sehr verehrter Herr Bruder,
Niemand freut sich mehr als ich, Eurer Exzellenz in Bezug auf die Collatio [den Vergleich] hier ​​zufrieden stellen zu können. Der Überbringer wird die Ausführung ganz in Ihre Hände legen; ich halte all mein Verlangen zurück und habe die Hoffnung, dass Sie mir  einen zusätzlichen Kontrakt geben werden, und nun folgt, was ich wünsche.
Machen  [Erhöhen] Sie es [das Geld] bis zu 500 fl., weil Sie es aus der beigefügten Quittung des Absenders ersehen, außerdem habe ich noch 30. fl. als Gratial [Dankbarkeitsgeste] in der Kanzlei bezahlt, da es dort üblich ist, bei einer solchen Zusammenkunft ein kleines Präsent zu überreichen. Ich musste dieses Geld leihen, da es 100 und mehr oder weniger Gulden sein werden, weil sich hier jeder präsentiert und die Knappheit so groß ist, dass die gleichen Bankiers, die  sonst 1000. und mehr Gulden vorschießen, mir vorerst keine 10. für das Geschenk geben können. Selbst wenn ich überhaupt noch Kredit hätte, wäre sozusagen kein Geld da. Mein Silberbesteck habe ich schon eingeschmolzen, um meine Gläubiger zu bezahlen, und meinen Sekretär habe ich nach Sachsen geschickt, um meine Vorschüsse und mein Gehalt zu erbitten, da seit einiger Zeit von Mal zu Mal niemand mehr daran denkt, mich hier zu bezahlen. Er hat Auftrag [mich] bei Ihnen zu vertreten und Ihnen diesen Stand in meinen Angelegenheiten mitzuteilen und um Ihre Unterstützung zu bitten, um die ich Sie sehr demütig bitte.
Der König hebt mich heraus, wenn ich ihn um die Gnade bitte, es zu wagen, an den Hof zu kommen, und will, dass ich hier sterbe, zur gleichen Zeit wird mir gesagt, dass ich dort leben muss, aber ich werde nichts sagen, wenn ich stoisch dem Staat und Maitre auf eigene Kosten zu dienen habe. Aber sind es nicht die Umstände ihm zu sagen, dass ich ihm hier notwendig bin. Da ist es nur richtig, dass man mich auch unterhält. Ich wünschte, dass Sie eine halbe Stunde mit mir sprechen könnten, damit ich meine Seele erleichern und unter uns meine Sorgen anvertrauen könnte.
Kürzlich hatte ich einen Zeitungsbericht, der mir ins Herz drang. Man wirft mir Unachtsamkeit vor hinsichtlich eines Vertrages, von dem man mir versichert hat, ob er abgeschlossen ist oder nicht, zwischen dem Kaiser und dem König von Preussen bezüglich Glogau und  Sagan und nicht von... [?], dass es ein realitätsferner Vertrag ist, woran noch nie gedacht wurde. Sie reden in einer Weise über mich, als hätte ich die Interessen des Maistre vernachlässigt; Hier kommt noch das Angenehme an der Funktion des Gesandten dazu, dass man ihm seine Außlößung [sic!] nicht mehr zahlt, und dieser Freund mir auf Befehl, wenn er nicht davon absteht, mir nicht die Hälfte von dem gibt, was wir gewohnt sind an andere zu geben, // die nicht verpflichtet sind, mehr zu tun// oder ihrerseits nicht verpflichtet sind, mehr Aufwand und mehr Aufwand zu leisten als ich.
All dies, mein lieber Bruder, um freiheraus mit Ihnen zu sprechen, sollte mir sagen, dass ich nicht denselben Anteil am Wohlwollen Seiner Majestät haben soll. Ich weiß nicht einmal, ob ich mir dieses Vorgehen  einbilde. Es handelt sich um einen Fall von mir und meinem Dienst, bei dem ich lieber ein Almosen nehme, als einem Fürsten zur Last zu fallen, der mich nicht mehr liebt. Ich kann mich nicht erinnern, irgendjemandem an unseren Höfen das Geringste getan zu haben, also weiß ich nicht, ob ich Feinde habe, die mir diesen guten Dienst erweisen, oder was ich zumindest geschrieben habe. Der Großmarschall, der nur ein halber Freund ist //Freunde hatten mich gewarnt// hat mir mitgeteilt, dass er sich auf meine Seite gestellt hat, damit ich ihm dankbar wäre. Aber ich habe ihm nicht gesagt, dass Sie es waren, von dem ich diesen Hinweis habe. Ich bitte Sie, mit ihm vereinbaren, dass die Anordnungen zur Zahlung meines Gehalts sowohl für die Vergangenheit als auch für die Zukunft erteilt werden oder dass Sie mir zumindest sagen, woran ich bin. Ich schrieb auch an Herrn von Bose, um ihn zu bitten, mir mein Gehalt aus der Kriegskasse zu geben, zusätzlich zum Gehalt von Generalmajor.
Ich habe noch Anspruch auf acht Monate Gehalt als Lagergeneral, für welche Zeit ich glaube, der einzige im Dienst des Königs zu sein, dem nicht zugestimmt wurde, da man ihm alles nehmen kann. Er versicherte mir, immer einer meiner Freunde zu sein, ich zweifle nicht daran, dass er nach Ihrer Fürsprache alle gewünschten Überlegungen anstellen wird. Verzeihen Sie mir, mein lieber Bruder, wenn ich Sie so mit meinen eigenen notwendigen Interessen belaste. Ihre Sanftheit und gutes Herz verpflichten mich dazu.
Zu dem, was ich Ihnen gerade offen gesagt habe, beschwöre ich Sie, damit ich weiß, woran ich bin, sagen Sie mir, wenn Sie in meiner Sache zut Seiner Majestät gehen, wie ich es mir vorstelle. Falls das nicht möglich ist, werde ich Ihnen etwas unter vier Augen hinzufügen, was los ist.
Ich bin völlig Eurer Exzellenz ganz bescheidener und freundlicher AC von Wackerbarth



Donnerstag, 20. April 2023

Neues Projekt "Wackerbarth und Flemming" - Der erste Monat

Am 24. März startete ich ein neues Projekt unter dem Arbeitstitel "Wackerbarth und Flemming". Es ist mein Herzensprojekt, von dem ich schon seit vielen Jahren träume.



August Christoph von Wackerbarth (1662-1734) und Jakob Heinrich Flemming (1667-1728) waren die Stützen Augusts des Starken. Wackerbarth wurde als Bauminister zum "Regisseur des Dresdner Barock", war aber auch als Gouverneur und Generalfeldmarschall für die Verteidigung und Militärpolitik zuständig und darüberhinaus langjähriger Gesandter am Wiener Hof. Er beriet den König als Kabinettsminister und war auch in seinem Geheimbund vertreten. Nicht zuletzt hat er sichin Sachsen für den Weinanbau eingesetzt - weshalb heute noch der Wackerbarth-Sekt bekannt ist - und das Ingenieurbildungswesen reformiert. Er kann als einer der Väter der deutschen Ingenieurskunst gelten.

Flemming seinerseits ist in Sachsen als intriganter Minister in Verruf geraten, da er August dem Starken die Finanzen für die Königswahl in Polen organisierte und in der Geschichtsschreibung sehr schlecht dargestellt wurde. Allerdings waren seine Beziehungen zu Polen und sein Organisationsgeschick für den König von unschätzbarem Wert. Er war dirigierender Kabinettsminister und ebenso wie Wackerbarth Gesandter, Gouverneur und Generalfeldmarschall. 

Beide standen sich sehr nahe und betitelten sich als "mon chére frere". Bislang steht eine Biografie dieser zentralen Akteure noch aus. Die Landesgeschichtsforschung hat sich an die überbordende Menge der Quellen der Augusteischen Ära noch nicht herangewagt. Und in der Tat ist es eine schier unübersehbare Menge Arbeit. Allein im Sächsischen Hauptstaatsarchiv lagern:

47 Akten Korrespondenzen zwischen Wackerbarth und Flemming

9 Akten Korrespondenzen zwischen dem König und Flemming

4 Akten Korrespondenzen zwischen dem König und Wackerbarth

614 Akten tragen Wackerbarths Namen im Titel

1312 Akten tragen Flemmings Namen im Titel.

Darüberhinaus sind Dutzende Bestände durchzusehen nach weiterem, in anderen Akten liegenden Material über die beiden Minister. Es sind auch weitere Archive zu besuchen: das Dresdner Stadtarchiv, 27 weitere Archive in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, 14 Archive in Deutschland, 30 Archive in Europa. Ein Lebenswerk.

Das Ziel ist die wissenschaftliche Erschließung der Korrespondenzen dieser zwei wichtigsten Minister von August dem Starken. Im Ergebnis soll eine Doppelbiografie geschrieben werden und eine Website entstehen, auf der die Quellen in Form einer Datenbank (mit Übersetzung), Itineraren, Netzwerken und Kalender für die Jahre 1691-1734 recherchierbar sind.

Die Arbeit zu strukturieren ist nicht schwer.

1. Aufnahme der Metadaten 

2. Lektüre der  Quellen - Transkription - Übersetzung

3. Analyse mithilfe von Fachliteratur

4. Verschriftlichung des Textes

5. Einrichtung von Frontend und Backend

In der ersten Woche habe ich neun Bücher aus der SLUB ausgeliehen, um mir für einen DFG-Antrag theoretisches Rüstzeug zu holen. Die Bücher behandeln Sicherheit in der Frühen Neuzeit, globale Wissensgeschichte, Mikrogeschichte und aktuelle Forschungen zur Frühen Neuzeit.

Die bereits voriges Jahr erstellte Access-Datenbank für Akten wurde nun mit den ersten Quellen gefüllt und weiter verbessert. Vom Grafen Wackerbarth sind 36 Akten digitalisiert, vom Grafen Flemming 206 Akten. In ein Access-Formular werden die Akten mit Metadaten und Inhaltsangabe eingetragen, in ein anderes die Briefe transkribiert. Eine weitere Excel-Tabelle enthält den Kalender, wo ich für den König, Wackerbart und Flemming jeweils aus den Quellen ihr Tagewerk zu rekonstruieren versuche. In einer anderen Excelliste werden die Aufenthaltsorte mit Datum notiert, so dass sich am Ende ein Itinerar erstellen lässt.

Die Personendatenbank zu führen ist am aufwändigsten, da sie gleich alle Metadaten für ein  Personennetzwerk enthalten muss. Das bedeutet, dass für jede erwähnte Person Namen, Vornamen, Titel, Lebens- und Sterbedaten sowie die Identifizierungsnummer GND und VIAF eingetragen werden muss. Nach einem Monat enthält die Liste 41 Personen.

Für die umfangreiche Literatur habe ich eine eigene Access-Datenbank für Literatur angelegt. Die verfügbaren Literaturdatenbanken sind alle kostenpflichtig, sobald man einen gewissen Umfang an Datensätzen benötigt. Und da ich mit Access inzwischen Übung habe und die Excel-Tabellen erfahrungsgemäß zuverlässig funktionieren, habe ich mich dafür entschieden, mein eigenes Ding zu machen. Ich kann stolz darauf sein, dass ich diese Datenbank in drei Stunden auf die Beine gestellt habe. Auch diese Datenbank habe ich mit der Realität abgeglichen, indem ich schon mehrere Titel, die ich lesen werde, eingegeben habe. Dabei bin ich auch auf einen Fund gestoßen, der mich aufhorchen lässt: ein mir bislang unbekannter Kupferstich in einer holländischen Übersetzung einer Publikation über Wackerbarth von 1735.

 


Das Handwerkszeug ist also bereit - bis auf Kinderkrankheiten, die sich Stück für Stück beseitigen lassen. 

So hat die Aktendatenbank noch keine zufriedenstellende Verschlagwortung. Deshalb habe ich eine weiteres Feld eingefügt. Unter "Ressorts" werde ich jeder Akte zuordnen, ob sie zur Außenpolitik, Wirtschaftspolitik usw. gehört. Die Schlagworte sind dann spezieller. Für die Einrichtung dieses neuen Feldes habe ich zwei Stunden gebraucht. Ich muss nur noch die Mehrfachauswahl einrichten; das ist immer eine kompliziertere Sache und ich hab's schon mal hingekriegt, ich weiß nur nicht, wie.

Nach vier Wochen enthält die Archivaliendatenbank 167 Akten. Am ersten Archivtag habe ich drei Briefe abgeschrieben und die Instruktion für die Gouverneure zu einem Drittel transkribiert. Zudem habe ich im Archiv unveröffentlichte Manuskripte von anderen Forschern entdeckt. Das Archiv ist eine Goldgrube, und ich wünschte, ich wäre nach sechs Stunden nicht so müde, sondern könnte Tag und Nacht weitermachen. Am besten wäre es, ich wäre mal nachts im Archiv oder in der Bibliothek eingeschlossen...



Mittwoch, 14. Juni 2017

Erlebnisse im Archiv

Man kann einem Anderen schwerlich die Faszination eines Archivs nahebringen, wenn er nicht selbst dort gewesen ist, die alten Originale berührt und den Atem der Geschichte gespürt hat.
Die seltsame Atmosphäre zwischen den Akten und ihren Lesern einzufangen, ist Arlette Farge in ihrem kleinen Büchlein "Der Geschmack des Archivs" wunderbar gelungen. Obwohl es nur einen Teil der Wahrnehmungen einfängt. 


Stets sieht man morgens die gleichen, stillen Gesichter. Den Militärhistoriker mit Geheimratsecken, die Doktorandin mit ihrem frischen Schritt auf immer den gleichen Platz, das ältere Paar im Bemühen, gemeinsam leise flüsternd etwas über die Familiengeschichte zu entziffern, der Neuling, der kaum zu atmen wagt und sich vorsichtig mit einer (!) Akte in die letzte Reihe setzt. Man könnte die Reihe fortsetzen.
Es sind teilweise Spitzweg-Figuren, die einem im Archiv begegnen - mich nicht ausgenommen.
Man gewöhnt sich an, denselben Spind zu wählen, den optimalen Platz zu suchen und zu behaupten. Für mich war das immer nah am Lesesaal-Computer, damit ich mal fix was in der Datenbank recherchieren konnte, möglichst mit Platz nach allen Seiten und wenig Ablenkung - bloß keinen Fensterplatz, denn die Verführung, nach draußen zu schauen ist gar zu groß. Ganz zu schweigen von der blendenden Einstrahlung.
Im alten Lesesaal gab es zur "Unterhaltung" von Zeit zu Zeit Geräusche, wenn die hundert Jahre alte Heizung anging und vor sich hin klopfte. Warm wurde einem dennoch nie so richtig. Von Zeit zu Zeit hört man einen schniefen. Im Archiv ist es oft kühl, und stundenlanges Stillsitzen befördert den "Archivschnupfen". Der ist keine Einbildung. Ich war jetzt länger nicht dort, und seit meinem letzten Besuch habe ich ihn verloren.
Überhaupt - der alte Lesesaal! Schon der Eingangsbereich des Archivs war eine Schau. Granitstufen in einer Halle, orangefarbene Metallspinde an der Seite. Nur die Eingeweihten wussten, dass es in der Nähe des Lesesaals noch die alten Holzschränke gab, die natürlich ungleich mehr Aura hatten. Sie waren bei der "Vorzimmerdame", die eine Art Concierge-Dienst verrichtete. Um sie herum vielleicht zehn, und auf der Galerie über ihrem Kopf nochmal soviele Schränke, erreichbar über eine Holzstiege. Die waren immer als erstes belegt. Sogar ältere Herrschaften nahmen die Stufen in Kauf, um an so einen begehrten, historischen Schrank zu kommen. Somit konnte man wählen zwischen einem kleinen Metallschlüssel mit Plastiknummer oder einem schweren Schlüssel mit Holzkugel. Gewissermaßen Schränke zweiter und erster Klasse.
Dann am Empfang links der Eintritt in den Lesesaal. Eine hohe schmale Tür mit geschwungener Klinke, die tief hinunterzudrücken war. Erstaunlich leicht ging die Tür auf, und, war man durch, merkte man, wie schwer es war, sie geräuschlos zu schließen. Im Lesesaal hundert Jahre altes Holzmobilar. Große Eichentische in fünf Reihen mit Platz für 30 Leute. Leichte Holzlehnstühle mit Polsterung. Tische, die was zu erzählen hatten mit ihren Schrammen und tiefen Rillen. Für jeden Arbeitsplatz eine grüne Schreibtischunterlage aus Karton. Was mag nur all für Papier auf diesen Tischen gelegen haben! Wieviele karierte Sakkoärmel mit Ellenbogenschonern mögen auf diesen Tischen gelegen haben.... Man musste unter den Tisch kriechen, wenn man zur Steckdose wollte. Aber das war erst gegen Ende nötig, denn zuvor war das Abschreiben der Akten Usus, und man hörte statt des Klack-klack-klack der Tastatur ein vielfaches Rutschen von Bleistiften (!) - Geräusche wie in einer Klassenarbeit. Als die Laptops Einzug ins Archiv hielten, kam das einer Revolution gleich. Morgens hörte man mindestens einmal die Startmelodie eines Computer, spätnachmittags ebenso oft die Melodie, mit der die Laptops schlafen gingen. Dazwischen nur: klack-klack-klack. Schweres Atmen älterer Herrschaften. Hin und wieder ein Durchatmen oder Räuspern. Oder ein halbfreudiges "aha!", das dem Papier sagen sollte: "Jetzt hab ich dich!" Manchmal Selbstgespräche. Sehr viel gaben die Leser nicht von sich preis. Da war das Mobilar schon gesprächiger. Eine gelegentlich knarrende Wendeltreppe zu den Nachschlagewerken in der Galerie. Stühle, die vorwurfsvoll auf dem Linoleumboden gräßliche Geräusche machten, wenn man es sich bequem zu machen versuchte. Ein krachendes Geräusch, wenn jemand die immer klemmenden Stecker aus der Steckdose zerrte. Die Aufsicht saß an den zwei Enden des Raumes auf erhöhten Podestarbeitsplätzen. Grün/goldene, rundliche Tischlampen mit kleinen hängenden Stricken zum Anschalten. Sie gaben eine, ich will mal sagen: sparsame Beleuchtung. Doppelfenster mit dem dichten Blätterdach der kleingestutzten Bäume davor. Sie rauschten, wenn die Fenster im Sommer offen standen.
Dazu hörte man die Eingangstür zigmal am Tag schwer ins Schloss fallen. Unwillkürlich die Frage: Was wollen die bloß immer, die dauernd rein und raus gehen? Klar - alte Leute müssen mal. Immer öfter. Zwischen Metallspinden und Empfangsdame der Flur mit den Toiletten war ihr Ziel. Die Toilette mit dem Sprung in der Fliese am Waschbecken und dem kleinen Fensterchen...Im Flur gab es auch eine Sitznische mit dunkelhölzerner Eckbank. Wie oft habe ich dort in der Ecke, meine Schnitten kauend, zur Mittagspause ein Dossier der ZEIT gelesen! Und wie hab ich mich geärgert, wenn der Platz schon vergeben war. Dann hieß es: rausgehen, denn einen Pausenraum gab es nicht. Stattdessen aß ich mein Brot ein paar Minuten entfernt, auf einer Bank beim Bogenschützen mit Blick auf die Elbe. Auch nicht der schlechteste Platz. Dann wieder zurück ins Archiv. Das rechte Fenster offen - die rechte Aufsicht macht auch gerade Pause. Oder das linke Fenster offen - die linke Aufsicht hat Pause. Hinsetzen, weitermachen, nur unterbrochen vom Lauschen auf Gespräche, denn das leise Sprechen der Aufsicht konnte man nicht ausblenden, wenn neue Leser das Prozedere erklärt bekamen. Und vom Nachbarraum hörte man das Hin- und Herspulen der Rollfilme. Die Arbeit an den Lesegeräten ist ungesund, weil man entweder einen steifen Hals bekommt oder einem schwindlig wird (oder beides). Zugleich dauerte die Lektüre ungleich länger, weil auf den Filmen stets mehr war, als man eigentlich brauchte. Kaum war das umständliche Einfummeln des Filmstreifens geschafft, begann bei den ersten Bildern stets dasselbe: Man schaute hin, obwohl auf der Schachtel unmißverständlich stand, dass der gewünschte Abschnitt erst gegen Ende des Films zu erwarten war. Eigentlich könnte man gleich weit vorspulen. Aber der Lärm des Spulens ist ja so laut! Und es ist eine Verführung, zu sehen, was außer der eigentlich bestellten Akte  noch so auf dem Film ist. Wer könnte da widerstehen, wenn man die Akte mit der anderen Strichnummer doch schon mal vor sich hat! Ein Blick kann ja nicht schaden, worum es darin geht... "Ach, das ist ja interessant..." Eine halbe Stunde später stellt man fest, dass man gar nicht das liest, was man eigentlich sollte. Und der Blick auf die Uhr sagt einem, dass man das angestrebte Ziel heute wohl nicht mehr schaffen kann.

Im neuen Lesesaal ist es grau/weiß. Zwei Steckdosen in jedem Tisch leicht erreichbar. Moderne, kantige  Metalllampen, die ein sehr gutes Lesen ermöglichen. Saubere, aalglatte Tischoberflächen. Glastüren, die mit einem lauten Klacken von selbst aufspringen. Die Aufsicht, die in das hohe, lichte Foyer hinter einen Tresen verbannt wurde. Bahnhofsatmosphäre. Aber immerhin ein heller Raum, wo das Personal nun in normaler Gesprächslautstärke die Leser beraten kann und sowohl die Leser im Lesesaal als auch die Leser im Filmlesesaal im Blick haben, die jetzt ihren Krach in einem eigenen Raum austoben dürfen.
Nur eines ist gleich geblieben: die charmante Art der Aufsicht, fünf Minuten vor Schließung mit einem Glöckchen die Leser an das Ende des Arbeitstages zu erinnern. Und wie dann alle emsig ihre Siebensachen zusammenpacken. Bloß nicht zu langsam sein, damit man nicht anstehen muß. Aber man muss es wahrscheinlich trotzdem. "Das hier noch liegen lassen. Das andere brauch' ich nicht mehr." So  oder so ähnlich geht es. Damals wie heute. Dann verschwinden die stillen, grauen Gestalten hinaus ins Licht, ins Leben. Zu den angeschlossenen Fahrrädern, den Autos in der Nebenstraße der "Archivstraße".


Und zusammen mit dieser Atmosphäre verknüpft sind die Gefühle bei echten Entdeckungen. "Yes!", denkt man. Oder das Gefühl der Enttäuschung, wenn statt einer dicken, fetten Akte, nur ein paar Blättchen in einem Umschlag liegen. Als wäre Weihnachten ausgefallen. Oder das Gefühl, wenn man stutzig wird. Wenn man den Brief nochmal von vorn beginnen muss: "Irgendwo hier muss doch stehen, worauf der sich bezieht...?" Oder das Gefühl, das man spürt, wenn man Originale berühmter Leute in der Hand hält. Ehrfurcht: Das ist eine Urkunde von Barbarossa. Das ein Brief von Luther. Das eine Unterschrift von Bach. Unvergessen, wie ich die Handschrift von August dem Starken nur verstehen konnte, wenn ich sie mir leise selbst vorlas, denn er war Legastheniker und schrieb dermaßen sächsisch, und noch dazu sehr unleserlich, dass man eher von einer Lautschrift als von einer Handschrift sprechen kann. Und der innere Jubel, als ich seine Geheimschrift entschlüsselte. Aber das ist eine andere Geschichte.
So ist das Archivleben - zumindest habe ich es so erlebt. Ich liebe es, seit 2002.