Dienstag, 15. Dezember 2020

Persönlichkeiten

 


Da laufen sie, Pünktchen und Anton aus Erich Kästners Kinderbuch. Hand in Hand und ein Herz und eine Seele. Es gibt viele Menschen, mit denen wir emotional verbunden sind, und die wir gerade nicht eben mal an die Hand oder in den Arm nehmen können. Aber es gibt diese Leute, die mir etwas bedeuten, weil ich mit ihnen etwas schaffe oder gestalte. Oft genug wissen diese Menschen gar nicht, wieviel sie Anteil an meinem Tun und Lassen haben. Denn ehrlich gesagt, fasse ich zu selten den Mut, ihnen zu danken für ihre Inspirationen, für die Worte, die sie sagen, für die Blicke, mit denen sie mich bedenken, für die kleinen Gesten und für die unbewusste Hilfe. 

Ich habe dieses Pünktchen-und-Anton-Bild schon lange in meinem Computer, weil es mich jedesmal anrührt und erinnert an Leute, mit denen ich Hand in Hand ein kleines Stück durch mein Leben gelaufen bin. Und dieser Tage an der Schule werde ich mir erst richtig bewusst, wie stark ich von meinen Lehrern geprägt bin.

Ganz oben steht meine Grundschullehrerin, der ich im Nachhinein soviel Respekt zolle, weil ich bei ihr wirklich fürs Leben gelernt habe und da schon erfahren durfte, was einen richtig guten Pädagogen ausmacht. Sie hat mich ermuntert, meine kleinen Kurzgeschichten zu meinen Plüschtieren weiter zu schreiben und ihr zum Lesen zu geben. Und sie antwortete: "Weiter so!", "Schön!" oder "Wie mag es wohl weitergehen?". Und fast prophetisch schrieb sie einmal darunter: "Vielleicht wirst du ja mal eine Lesung über deine Werke halten". (P.S. Das Bild dieser handschriftlichen Notiz füge ich später ein, da ich gerade nicht zu meinen Eltern kann, wo meine Kurzgeschichten noch aufbewahrt sind). Mein ganzer Sprachschatz begann bei ihr. Nie konnte ich ihr sagen, wieviel sie mir bedeutet hat und wieviel ich von dieser Grundschulzeit heute noch zehre.  Sie ging bald in Rente und dürfte heute schon tot sein.

Von meinen Schullehrern haben es kaum eine Handvoll in mein Herz geschafft. Es waren die echten Typen, die ihren Charakter hatten und ihr Fach mit vollem Enthusiasmus vertraten. Und - Überraschung! - es waren nicht die Geschichtslehrer mit ihrer spröden Art und den immergleichen hellblauen Quellen-Kästchen im Lehrbuch ("Lies Quelle 1 und fasse zusammen!") . Dass dieser stupide Geschichtsunterricht nicht mein inneres Feuer an der Geschichte erstickt hat, ist heute noch ein Wunder. Ich hatte ein Abo auf Dreien und in meiner gesamten Schulzeit nur einmal in Geschichte eine 1 - beim Dreißigjährigen Krieg, und den hab ich mir selbst interessant gemacht. Also, Geschichtslehrer waren für mich keine prägenden Lehrerpersönlichkeiten. Sondern ein cholerischer Lateinlehrer mit einem Faible für Sprache, einem Instinkt für Talente und einem generalstabsmäßigem Management, von dem ich mir viel abgeguckt habe. And die Exkursionen nach Rom und Griechenland habe ich unvergessliche Erinnerungen. Außer ihm gab es eine junge Englischlehrerin, die durch ihre Fröhlichkeit bestach und alles nicht so bierernst nahm, und einen hageren Pfarrer, der seelenruhig Religion unterrichtete und mich immer wieder nachdenklich machte. Von vielen anderen Lehrern habe ich noch die Namen oder ein paar Kleinigkeiten im Kopf, aber richtig was fürs Leben mitgenommen habe ich nur von diesen, weil sie gewissermaßen auf meinem Kanal sendeten. Vielleicht haben weniger introvertierte Menschen mehr Ausbeute an lebensprägenden Lehrern. 

Jenseits der Schullehrer war mir unsere Katechetin sehr wichtig, die uns Nächstenliebe vorlebte und soviel Sanftheit verströmte, wie man als kleiner Mensch braucht. Als sie fortging, war für mich die Straße sehr leer. Ich erinnere mich auch voller Dankbarkeit und innerem Strahlen an meinen Klavierlehrer, einen dynamischen jungen Mann im Stil von Michael Stich, der mir die schönsten Stücke so menschlich einfühlsam und locker beibrachte. Was haben wir auch für Spaß gehabt! Noch heute, wenn ich am Klavier sitze, flätzt er unsichtbar neben mir in seinem braunen Ledersessel und wippt mit den Turnschuhen oder schnalzt mit der Zunge. Ich habe seine handschriftlichen Einträge in den Noten jedes Mal vor mir und erfreue mich daran. Wie habe ich Rotz und Wasser geheult, als sich unsere Wege damals trennten! 

Sie alle waren es, die mich als Kind prägten, gewissermaßen unsichtbar meine kleine Hand nahmen und mich ein Stück des Wegs begleiteten. Ich hatte großes Vertrauen zu ihnen und wollte sie eigentlich nie verlieren. Aber irgendwann enden Lebensabschnitte, und das Beste, was die Menschen einem mitgeben können, sind schöne Erinnerungen und ein paar Fertigkeiten.

Heute trage ich die Verantwortung für das geografische Gerüst von 150 Kindern. Woran sollen sie sich einmal erinnern, wenn sie an mich denken? Ich hoffe, nicht daran, dass sie im Corona-Jahr drei Geografielehrer in einem Schuljahr hatten, und als Drittes kam eine kleine hyperaktive Frau, die wie Ofenruß hieß und die dauernd Spiele, Experimente und Gruppenarbeiten gemacht hat. Obwohl es sicher Schlimmeres gibt.

All jene, die nicht als Lehrer in meinem Leben eine Rolle spiel(t)en, möchte ich allerdings nicht unter den Teppich kehren. Es sind ihrer viele, und ich gehe von ihnen beeinflusst durchs Leben.  Sie lassen mich von ihrem Licht kosten, lassen mich sein, wie ich bin - mit meinem Esprit und ohne die ruhige Eleganz einer heutigen Frau von Welt. Auch wenn ich mich oft genug von dieser Zeit, dieser Welt zurückziehe, weiß ich: Wir gestalten unser Leben miteinander. Ich profitiere von ihnen und dass sie von mir profitieren, lerne ich nun auch langsam (auch wenn ich es noch nicht glauben kann).  "Netzwerk" ist nur ein Wort, aber die Energie, die da hin- und herfließt, wird mir immer erst deutlich, wenn ich mir ausmale, was mir fehlen würde, wenn dieser Mensch nicht da wäre.

Ein Lied bringt dieses Gefühl der Verbundenheit sehr gut zum Ausdruck - es mag als Liebeslied geschrieben sein, aber wenn man den Schmalz wegdenkt, ist es ein wirklich ergreifender Song über Nähe zwischen den Menschen. In der zweiten Strophe heißt es:

Let me enter your light
Wanna show you my passion
We can make each other happy if we get it right

Menschliebe, Licht und Glück - dieser Blogbeitrag ist nun am Ende doch weihnachtlicher geworden als geplant. Angesichts der Pandemie habt ihr bestimmt nicht gedacht, dass ich aus den händchenhaltenden Kästner-Kindern Pünktchen und Anton diese Predigt über Lehrerpersönlichkeiten und menschliche Nähe schreibe. Aber so entwickelt sich manchs eben. Und ich habe etwas gelernt während der letzten Stunde: Ich habe schon etlichen Menschen vertraut, und meistens hat es sich gelohnt, und manchmal sogar richtig, richtig viel. Und ich will denen, die ich noch nicht aus den Augen verloren habe, gerne sagen, was sie mir bedeuten. Heute hier, morgen dort. Dem Lateinlehrer habe ich übrigens vorigen Monat mal meine Reverenz erwiesen, und er hat sich "tierisch gefreut". Punkt, Punkt, Pünktchen.

Sonntag, 13. Dezember 2020

Unterricht in Corona-Zeiten


 

Das war eine kurze Freude. Ich habe bis Dienstag hospitiert, am Mittwoch und Donnerstag drei Klassen kennengelernt, zwei Nachschreibeklausuren beaufsichtigt und mich mental auf den Lockdown eingestellt. Ich habe die ersten Stundenvorbereitungen mit viel Freude gemeistert und dabei gemerkt, dass ich in Echtzeit vorbereite: 90 min Unterricht brauchen etwa genausoviel Vorbereitungszeit. Ein Lehrer, der also 32 Unterrichtsstunden in Vollzeit gibt, hat locker eine 60-Stunden-Woche. Für mich war es eine besondere Herausforderung, mich mit dem Digital Screen anzufreunden, denn es gibt keine klassische Kreidetafel mehr, sondern nur noch ein Whiteboard und den Screen, auf dem man seine Präsentation zeigen, Filme anschauen und  mit einem digitalen Stift schreiben und allerlei Sachen machen kann. Es wird noch Wochen dauern, bis ich damit routiniert umgehen kann. Ich habe höchsten Respekt vor dem Ding, schätze aber auch die Möglichkeiten, mit einem Klick auf Erklärvideos und Bilder zugreifen zu können und viel Papierkram sparen zu können. Noch fühle ich mich mit einem Stift am Whiteboard wohler, wo nichts "passieren" kann.

Die Kinder reagierten unterschiedlich: eine Oberschulklasse war sehr eifrig, eine Gymnasialklasse ziemlich undiszipliniert und nervenaufreibend, eine 9. Klasse extrem behäbig und desinteressiert. In den 5. Klassen habe ich nach meiner Vorstellung sich die Kinder einzeln vorstellen lassen mit Antworten auf drei Fragen: Welches Tier mit dem Anfangsbuchstaben deines Vornamens würdest du wählen? Welches Hobby hast du? Welcher Ort auf der Welt ist dir der liebste? Es kamen erwartbare, aber auch überraschende Rückmeldungen. Eine Klasse besteht zu einem Drittel aus Klavierspielern, viele Mädchen reiten oder tanzen regelmäßig, die Jungs mögen Fußball und Lego. Ich hörte zweimal "lesen" und je einmal "töpfern", "zaubern", "fotografieren", "Schach" und "nähen". Aber von 50 Kindern gab es auch nur eines, das als Hobby ihr Handy und Chillen angab. Die Lieblingsorte waren Fußballplatz, Schwimm- oder Sporthalle und zu Hause, aber auch die Sächsische Schweiz, der Spreewald, ein Plätzchen am Lockwitzbach, Hawaii, Fuerteventura, Mallorca und Australien sowie die berühmten Städte dieser Welt von New York über Paris bis Venedig. Ein Kind sagte: "Egal, da wo man keine Maske tragen muss." Die genannten Tiere reichen von der Amsel bis Libelle, Mammut, Schlange und Zebra. In der 9. Klasse sollten die Teenager mir sagen, was sie im Unterricht gern mal machen würden. Zwanzigmal war die Antwort: "Keine Ahnung", vier Ideen brachten sie hervor: Musik, Stundenaufgaben, Dokumentarfilme und - passend zum Lehrplanjahresthema Asien: asiatisches Essen. Nur, dass ein Klassenbuffet bis Juni derzeit nicht sehr realistisch ist.

Ich habe mich inzwischen auch im Schulhaus orientiert und habe gemerkt, dass in dem großen Schulhaus für 800 Kinder nur eine Lehrertoilette existiert, die locker 5min Fußweg vom Vorbereitungszimmer entfernt ist. Der Bibliothekar ist in Quarantäne, die Integrationslehrerin ebenso. Jeder Lehrer muss alle 20-30min lüften und am Ende der Stunde alle Tische desinfizieren, so dass da keine Zeit für eine eigene Pause bleibt. Ich habe die Mensa und die Hausmeister und die Stundenplanerinnen kennengelernt, meine erste Aufsicht in der Mittagspause gehabt (und zwei Jungs zum Aufkehren der rumgeballerten Erbsen verdonnert) und mich mit den fünf Kollegen im Vorbereitungszimmer angefreundet, ohne sie auch nur einmal berührt zu haben. In einer Nacht- und Nebelaktion habe ich schnell eine eingesammelte Hausaufgabe benotet, um für das Halbjahreszeugnis schon mal eine Note sicher zu haben. Zwischen einem geschmückten Bäumchen und einem halbgeöffneten liebevoll gestalteten bunten Schul-Adventskalender aus Schuhkartons habe ich der Sekretärin als letzte Amtshandlung ein frohes Weihnachtsfest gewünscht - am 11.12. wohlgemerkt. Es war skurril.

Der Lockdown war zu erwarten, und ich habe ihn eigentlich viel eher erwartet und auch schon viel eher befürwortet. Heute haben wir in Dresden noch 44 freie Krankenhausbetten und 12 Intensivbetten. Es sind 227 Neuinfektionen in 24 Stunden und sechs Verstorbene. Die Corona-Ampel zeigt 344. Die Kinder haben sich jetzt mit Aufgaben aus der Cloud zu beschäftigen. Und es ist schade, dass einige Sachen nicht stattfinden können: Das ganze Weihnachtsprogramm der Schule fiel aus, u.a. Kirchenbesuch, Jahresabschlussolympiade und Weihnachtstheater. Exkursionen, Klassen-Experimente und Gruppenarbeiten, gemeinsames Musizieren und Singen waren schon seit zwei Wochen untersagt. In der Unterrichtsmethodik waren wir sehr eingeschränkt. Ein Thema, was sich für Stationenarbeit oder Gruppenpuzzle angeboten hätte, habe ich in Form von selbst gestalteten Quartettkarten, die zwischen den Bankreihen getauscht wurden, angeboten. Die Kinder haben sich gut mit der Situation arrangiert, aber alles ist wie von einem unsichtbaren Schleier von Unsicherheit, Sorge und Verkrampfung umgeben.

Ich habe ein paar Mal meinen Arbeitsweg genießen dürfen: statt lesen in der Straßenbahn lieber 15min Radtour an der frischen Luft entlang einer Hauptstraße und dann durch eine Kleingartenanlage und über Nebenstraßen. Ich habe auf dem Hinweg Podcastfolgen gehört und auf dem Rückweg die erholsame Ruhe genossen, bevor ich meine zweite Schicht als Mama begann. Mein großer Sohn ist schon in Sicherheits-Quarantäne gewesen und hat 14 Tage Wohnungsarrest hinter sich gebracht. Wie befreit war er, endlich wieder auf der Straße geradeaus laufen zu dürfen! Wie genossen hat er den Himmel über sich und die frische Luft! Seit gestern nun ist der Kleine in Quarantäne, weil die Erzieherin positiv getestet wurde. Es sind besondere Zeiten. Es sind historische Ereignisse, und - frei nach Goethe: Wir können sagen, wir sind dabei gewesen. Goethe und Schiller, die Freunde, so ganz ohne 1,50 Abstand. Man könnte neidisch werden.

Weimar, Goethe, Schiller, Denkmal, Bronze, Kunst

Die erste Woche

 Raumfähre, Rakete, Abheben, Nasa, Luft Und Raumfahrt

3, 2, 1 - liftoff!

So, die erste Woche als Lehrerin liegt hinter mir. Alle Papiere mit der Verwaltung sind geregelt und gemanagt, alle Unterschriften und Anmeldungen getan. Diese Phase wurde mir durch eine höchst professionelle Organisation seitens der Schule sehr leicht gemacht. Der Arbeitgeber hat in der Tat an alles gedacht und mir sämtliche wichtige Informationen in Mappen zusammengestellt. Das war sehr beeindruckend, mit welcher Routine ich eingearbeitet wurde. Chapeau!

Mein Stundenplan hat sich allerdings mehrfach geändert. Hieß es erst, ich würde 8h Geografie und 3h Geschichte unterrichten, war es dann zwischendurch ein Mix aus Geografie, Ethik und Geschichte und nach einer Woche wieder 8h Geografie, 2h Klausurenaufsicht und 1h Integrationsarbeit. Aber in Corona-Zeiten muss man flexibel sein, zumal sich im Kollegium 25 Lehrer/innen (!) in Quarantäne befinden.

In der ersten Woche darf ich in jeder Klasse einmal hospitieren, bevor ich die Schüler in der zweiten Woche übernehme. Die Schule hat ein Doppelstundensystem, d.h. die Schüler haben immer 90min am Stück, wenn nicht gerade die Mittagspause dazwischen liegt.

Ich habe nach aktuellem Stand drei zwei 5.Klassen, drei 6.Klassen und eine 9. Klasse. Klassen mit Oberschülern und Gymnasiasten halten sich die Waage. Das ist eine Herausforderung, da den Überblick zu behalten! Die Hospitationen bei drei Lehrer/innen zeigen ganz unterschiedliche Lehrtypen und Unterrichtsmethoden. Ich bin überrascht, wie ruhig die Arbeitsatmosphäre ist. Von Disziplinschwierigkeiten bekomme ich erstmal nichts mit, allerdings von teils sehr gelangweilten und unmotivierten Neuntklässlern. Die Geduld und Ruhe, der Enthusiasmus und Arbeitseinsatz meiner Kolleg/innen sind beeindruckend. 

Die Themenfülle und Verantwortung, der ich jetzt gegenüberstehe, könnte mir den Atem rauben. Ich verschaffe mir einen Überblick und sammle Ideen zur Umsetzung. Hier hilft mir mein systematisches Arbeiten. Allerdings bin ich manchmal flatterig angesichts des bevorstehenden Stresses. Und da ich merke, dass ich nicht alles gleichzeitig abarbeiten und anlesen kann, hilft nur der Gedanke, Schritt für Schritt vorzugehen. Mir bereitet aber schon diese Phase der Einarbeitung große Freude. Ich erstelle mir eine Excel-Liste aller Schüler, informiere mich über den Notenschnitt, ausstehende Tests und Fristen. Ich muss bis Februar Kopfnoten geben - auch das noch! Da hab ich doch noch gar nicht jedes Kind richtig kennengelernt. Als zweites fertige ich mir einen Stoffverteilungsplan an: bis zu den Sommerferien habe ich 31 Wochen bzw. Doppelstunden. Bestimmt fällt mindestens einmal etwas aus, und mit Online-Unterricht muss ich auch rechnen. Bei meinen Hospitationen habe ich an einer Fernbeschulung schon mal teilgenommen gemerkt, dass angesichts der Tücken der Technik höchstens 50% der Zeit tatsächlich eine direkte Lehrer-Schüler-Interaktion möglich war, dass die Schüler sich gut wegducken konnte ("Mein Mikro geht nicht. Was war die Frage?", "Ich hab Sie nicht verstanden") und dass man eigentlich nicht wirklich gut etwas erarbeiten kann. Also werde ich meine liebe Mühe und Not haben, den Lehrplan bis zum Schuljahresende zu erfüllen. Aber dieses Jahr ist man da großzügig.

Zum Glück haben mir meine Kolleg/inn/en super zugearbeitet: von dem einen bekam ich Dutzende Zuarbeiten für die kommenden Themenbereiche, vom anderen sehr hilfreiche methodische und didaktische Hinweise, vom dritten technischen Support und Einblicke in die Notengebung und vom vierten eine großartige Übergabe samt Zuarbeit für die nächsten zwei Stunden usw. 

Inzwischen habe ich mir auch die Schulbücher und Atlanten bestellt. Zwei dicke Pakete sind per Post gestern angekommen. Jeweils unterschiedliche Atlanten, Schulbücher und Arbeitshefte für Klasse 5, 6 und 9 der Oberschule und das Ganze nochmal für die Gymnasiasten. Macht alles zusammen über 210 Euro, war aber nicht zu ändern, da die Schulbibliothek wegen Quarantäne geschlossen ist und ich nicht länger warten konnte.

Und kommende Woche geht es los mit dem Unterricht. Ich freue mich.

Sonntag, 6. Dezember 2020

To-do-Listen


 

Inzwischen habe ich auf meiner To-do-Liste ziemlich viel stehen:

- meine Habilitation für den Druck vorbereiten, also Personen- und Sachregister fertigstellen, aktuelle Literatur einpflegen und die Grafiken checken  (das wollte ich im Herbst noch beenden, und nun soll es bis Weihnachten werden)

- die sächsischen Chiffren einzeln mit ihren Metadaten in die Datenbank der schwedischen Kollegen einpflegen, wo alle Geheimschriften gesammelt werden (das ist mehr als überfällig und ich hab deswegen schon Schuldgefühle)

 - einen Aufsatz für einen Tagungsband überarbeiten und einreichen (gestern geschafft)

- mehrere Kollegen zu verschiedenen Themen und Projekten kontaktieren (verschoben auf 2021)

- meine Beiträge für das Handbuch zur europäischen Diplomatiegeschichte schreiben (bis Februar)

- eine Rezension schreiben (bis Februar)

Alles Sachen, die man im akademischen Prekariat kostenlos macht, wenn auch nicht umsonst.

 ... und nun kommen noch Stundenvorbereitungen hinzu. Dass ich das alles irgendwie schaffe, bezweifle ich nicht, und dass ich noch ruhig schlafen kann, liegt daran, dass ich ein unerschütterliches Vertrauen in mein Zeitmanagement und meine sehr effektive Arbeitsweise haben kann.

Meine Top Ten:

1. Zehn-Finger-System lernen - spart wahnsinnig viel Zeit

2. Priorisierte To-do-Listen erstellen, und dann einfach ranklotzen

3. Nicht ablenken lassen und wenigstens mal 2-3h ungestört am Stück arbeiten

4. Sich vom Perfektionismus versbschieden und auch mal mit 85% zufrieden sein. Dazu muss ich mich selbst immer wieder zwingen. Ein Tipp: ein Mantra einüben (bei mir: Allegretto aus der Sturmsonate von Beethoven mit den Worten "Das ist gut. Das reicht.")

5. Systematik: alles versuchen, in einer Tabelle oder Mindmap darzustellen. Der Minimalismus zwingt zur Konzentration und Reduktion auf das Wesentliche 

6. Gesund bleiben: auf mindestens 6h Nachtschlaf achten, am Wochenende ein Mittagsschläfchen, jeden Tag mindestens eine halbe Stunde rausgehen und die Mahlzeitenpausen einhalten und gesund ernähren

7. Begriffslisten wie diese ständig in Griffweite haben

8. Pausen sind Pausen - also abschalten! Abends zwei Stunden Freizeit als feste Größe und mindestens 3x pro Woche eine halbe Stunde für das Lieblingshobby. In dieser Zeit wird jeder Gedanke an Arbeit weggeschoben.

9. Ordnung: Farbliche Sortierkriterien einführen und sich ein sinnvolles Ablagesystem einrichten

10. Zeit schinden: bei Abgabeterminen gibt es immer Zeitpuffer, die man auch mal ausnutzen kann, aber mehr als 1-4 Wochen sollte man nie überziehen (aber das habe ich auch mal nicht geschafft, da hilft dann nur ehrliche und transparente Kommunikation und Hoffen auf Verständnis... da hatte ich in dem Fall Glück mit den Kollegen)


Letztlich sind wir alles Menschen und haben im seltensten Fall atomwichtige Aufgaben zu erledigen. Trotzdem kennt ihr vielleicht auch den Ehrgeiz, alles optimal und pünktlich schaffen zu wollen. Diesen hausgemachten Stress abzubauen, ist eine gewaltige Aufgabe und nur durch eine Änderung der eigenen Haltung und Arbeitsweise möglich. Eine gewisse Lockerheit gepaart mit professioneller Arbeitsweise ist mein Weg durch dieses Dickicht der To-Do-Listen und Termine.

Freitag, 23. Oktober 2020

In 20 Tagen zur Geografielehrerin (Teil 2)


Okay, mein Herz sagt Ja zu dem angebotenen Job. Also hole ich mir gleich 15 kg Bücher aus der Universitätsbibliothek. Über Geografiedidaktik, Lehrplaninhalte der 5. und 6. Klassen, Atlanten und die neueste Literatur zur Methodenvielfalt und zur digitalen Lehre. Da kommt einiges zusammen.

Mein Kompass zeigt ganz klar nach vorn, nach draußen, in die weite Welt. Von der Welt der Zeit in die Welt des Raumes. Mein Herz klopft bei der Herausforderung, die vor mir liegt. Es ist sehr viel Arbeit. Aber meine Entscheidung ist gefallen: besser, ich verdiene wenig als gar nichts. Besser, ich nutze mein Talent, anderen etwas beizubringen und sie mit meiner Begeisterung für Geschichte und diese wunderbare Erde anzustecken, als zu Hause mein Ding für mich zu machen. Besser ich lerne neue Leute im Kollegenkreis kennen, als ich versumpfe zu Hause. Besser ich lerne auch für mich was Neues als ich mach das, was ich schon immer gemacht hab. Und beim Durchlesen des Lehrplans finde ich ganz viele Themen, wo ich auch in Geografie ein bisschen Geschichte verstecken kann. Fächerübergreifender Unterricht. Und praxisnah ist das Ganze auch noch, weil ich viele Beispiele aus unserer Region einfließen lassen kann. Ich kann im zweiten Schuljahr vielleicht meine Planspiele ausprobieren, ich kann Exkursionen vorbereiten, ich kann mit den Kindern viele schöne Stunden erleben. 

Maritim, Navigation, Charts, Kompass

Ich werde Tage haben, wo der Zeitdruck mich fertig macht. Ich werde Tage haben, wo ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Ich werde Tage haben, wo mich die Schüler zur Weißglut treiben. Ich werde fluchen. Vielleicht werde ich Ausschreibungen sehen, auf die ich mich dann nicht bewerben kann. Was ich anfange, mache ich zu Ende. Ich werde aber auch oft glücklich sein. Ich werde jeden Tag das Ziel haben: Heute möchte ich, dass die Kinder einmal zum staunen bringen und einmal lachen sehen und ihnen eine neue Sache in den Kopf setzen. 

Zunächst einmal muss ich meinen Mann überzeugen. Im Freundes- und Verwandtenkreis höre ich nur Aufmunterung und dass sich alle sehr gut vorstellen können, wie gut ich das hinkriegen werde. Na, mal sehen... Dann kaufe ich für 50 Euro an Schreibmaterial alles ein, was man als Lehrerin so braucht und richte mir einen zugegebenermaßen sehr kleinen Arbeitsplatz in unserem Schlafzimmer ein. 

Aus der Verwandtschaft bekomme ich dankenswerterweise Schülermitschriften aus der 5. und 6. Klasse. So kann ich ein Gefühl dafür entwicklen, welches Niveau es sein soll, wieviel in eine Stunde passt und wie Klassenarbeiten aussehen und bewertet werden. Das hatte ich ja alles schon mal gewusst, damals, im Studium vor 25 Jahren. Es kommt mir vor wie gestern.

Inzwischen habe ich eine Excel-Liste begonnen, wo ich den Zeitaufwand für alles notiere. Das wird bestimmt später mal interessant!

In 20 Tagen zur Geografielehrerin (Teil 1)

Dieses Jahr war eine besonders, auch für mich. Bis Ende Januar lief mein letztes Projekt, und seitdem überarbeite ich meine Qualifikationsschrift für den Druck und schaue nach einer neuen Stelle. Bis Januar hätte ich noch ALG I, aber dann...? Was macht man als habilitierte Historikerin für Landesgeschichte, die seit 15 Jahren von einem Projekt zum nächsten gekommen ist und mit Familie nur bedingt flexibel? Eigentlich will ich doch nur mein Herzensprojekt machen - eine Doppelbiografie über die Minister Augusts des Starken, Flemming und Wackerbarth. Alte Bücher lesen, im Archiv sitzen, jeden Tag den Berg der 10.000 Briefe abtragen ... das wäre schön!

Buch, Lesen, Alt, Literatur, Seiten, Bücher

Aber dafür müsste ich einen DFG-Antrag schreiben, der viel, viel Mühe kostet und zu 75% abgelehnt wird. Meine Kontaktversuche zu den einschlägigen Institutionen in Dresden erbrachten bis jetzt auch nur Schulterzucken: "Ein sehr wichtiges Thema, aber eine Stelle? Nö."

Da hilft nur umschauen. Die Ausschreibungen sind allesamt dürftig. Eigentlich bin ich auf der Suche nache einer Koordinatorenstelle oder Teilprojektleitung im Gehaltsbereich TV-L 14. Gefunden habe ich: eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Dippoldiswalde - für TV-L 8. Vom Arbeitsumfang her ist das auf jeden Falle eine 13, also bewerbe ich mich nicht. Verlockend ist auch eine Stelle in Dessau, wo mehrere Museen zusammengeführt werden. Vollzeit, Befristung, Umzug...mit Kindern in der gegenwärtigen Lage nicht die erste Wahl. Und überall suchen sie die eierlegende Wollmilchsau.

File:Wollmilchsau.png

Des Weiteren finde ich einen interessanten Job als Assistenz der Geschäftsführung in der freien Wirtschaft in der holzverarbeitenden Industrie, die sich über Quereinsteiger freuen. Allerdings ist das Unternehmen mitten in der Pampa, jeden Tag 30min Autobahnfahrt, und dann wäre das der Abbruch meiner wissenschaftlichen Karriere. Also etwas näher dranbleiben möchte ich schon. Also überlege ich diesmal ernsthaft, meinen Zweitabschluss des Ersten Staatsexamens zu nutzen und schau nach, ob Lehrer gebraucht werden. Und werde fündig: zwei Schulen in Dresden suchen Geschichtslehrer. Gleich mache ich zwei Bewerbungen fertig.

Die eine Schule schickt nach wenigen Tagen die Absage, die andere Schule lädt mich nach sechs Tagen zum Vorstellungsgespräch ein. Ausgeschrieben ist eine halbe Stelle als Lehrkraft für Geschichte und Geografie am Gymnasium.

Als ich ankomme, heißt es, ich müsste 8 Stunden Geografie und 3 Stunden Geschichte geben, überwiegend für Schüler der Oberschule. Die Stelle ist auf zwei Schuljahre befristet. Das Gehalt orientiert sich an den Quereinsteigern im Lehrdienst und sieht ca. 1.500 brutto vor. Ich werde kurz durch die Schule geführt und fühle mich wohl bei dem Gedanken. Hier könnte ich was Sinnvolles tun, hätte eine sichere Perspektive und könnte meinen Horizont erweitern. Ob ich das wirklich wagen soll? Von der renommierten Fachhistorikerin zur Geografielehrerin? Erstmal drüber schlafen.



Mittwoch, 13. November 2019

Der Kinderroman zum Thema Zeitreisen ist fertig!

Unter dem Titel "Die Abenteuer mit dem Mantel der Geschichte" habe am 4. August 2019 mein Kinderroman in der ersten 15-Stück-Auflage unter die Familie gebracht. 245 Seiten voller Zeitreiseabenteuer. Es geht z.B. um Dürers Hase, August den Starken, die Geburt von Tom Sawyer und die Entdeckung des Great Barrier Reefs und zwei Jungs mit einem unstillbaren Abenteuerhunger..... also eigentlich ist es Landesgeschichte verwoben mit Weltgeschichte.

Klappentext: "Es gibt ihn tatsächlich, den Mantel der Geschichte. Er ist zwar etwas versteckt und es fehlt ein Knopf, aber die zwei Brüder Christoph und David restaurieren ihn. Von ihrem Großvater erfahren sie von dem Familiengeheimnis des Mantels und seinen Fähigkeiten. Sie freunden sich mit Kairos, dem jüngsten Sohn des Zeus an, der als griechischer Gott für den günstigen Moment zuständig ist. Durch ihn erfahren die Brüder von der Zauberkraft der vier Mantelknöpfe und können viele abenteuerliche Zeitreisen erleben. In detektivischer Archivarbeit finden sie heraus, wie der Mantel der Geschichte entstand und reisen an den Geburtsort des Mantels, Dresden zur Zeit Augusts des Starken. Gemeinsam - und manchmal auch mit ihren zum Leben erwachten Spielfiguren - besuchen die Brüder berühmte Künstler, Schriftsteller und Entdecker und geraten nicht nur bei den Mongolen und beim Bau der Berliner Mauer 1961 in tüchtige Schwierigkeiten." 
 
 
Zuerst habe ich das Buch meinem neunjährigen Sohn vorgelesen. Er war mit Begeisterung dabei und fand das Buch sehr spannend. Ebenso habe ich viele positive Rückmeldungen aus der Familie bekommen. Alle Kinder und Jugendliche haben die Hauptfiguren und Kairos als coolen Kumpel sofort ins Herz geschlossen. Und ich habe vor, das Manuskript an einen Kinderbuchverlag zu senden, wenn ich denn mal Zeit habe.

Und wer das Buch jetzt schon zum Vorzugspreis von 15 EUR kaufen möchte, schickt mir einfach eine Mail (asrous@gmail.com), bekommt die Bankdaten und hat es bald danach im Briefkasten!